Meine persönliche Stellungsnahme zu bisherigen Kritiken von Lesern und Kritikern des Buches, 26.10.2011:


1. Dieses Buch erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit - es ging weder darum, das gesamte stilistische Spektrum des Jazz abzudecken noch darum, Jazzmusiker und Fans aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zu befragen. Dabei hatten Klaus Neumeister und ich im Sommer und Herbst 2010 eine hohe Zahl von Zeitzeugen angefragt, von denen sogar etliche Leute einen Text zugesagt hatten, dann aber trotz Erinnerung bei herannahendem Redaktionsschluß die zugesagten Texte nicht lieferten. Ebenso gab es etliche Leute, die einfach nichts dazu beisteuern wollten. Obendrein hatte das Jazz Podium im Herbst 2010 nicht wie von mir gewünscht und vorgeschlagen, einen Aufruf an die Jazzszene abgedruckt, daß wir Autoren für dieses Buchprojekt suchen. Möglicherweise hätte uns das noch weitere Beiträge, auch aus dem süddeutschen und mitteldeutschen Raum, eingebracht. Doch "Gott sei Dank!" konnten wir letztendlich sagen, denn das Buch ist schon so an die Grenze des möglichen Umfanges gekommen.
Da sich inzwischen etliche Leute gemeldet haben, die ebenfalls mit interessanten Geschichten aufzuwarten wissen und bereit wären, diese zu liefern, ziehe ich in Erwägung, im Laufe der nächsten drei, vier Jahre eventuell eine Sammlung dieser Geschichten mit dem Arbeitstitel "Jazzmusiker und ihre Geschichten" zu veröffentlichen, Schwerpunkt dann jedoch Nordrhein-Westfalen.

2. Der Schwerpunkt des Buches "Begegnungen - wie der Jazz unsere Herzen gewann" liegt eindeutig auf dem traditionellen Jazz. Das ist mir persönlich aus dem folgenden Grunde recht, weil der traditionelle Jazz doch in den meisten Büchern über Jazz und noch mehr in der Jazzpresse der Gegenwart eindeutig zu kurz kommt. Das Buch ist jedoch keineswegs engstirnig, sondern auch stilistisch offen ausgerichtet. Beiträge wie z.Bsp. der über Barbara Dennerlein, "Liebe auf den ersten Ton", wo diese großartige Organistin aus dem Nähkästchen plaudert, Dr. Wolfram Knauers Report über seinen ersten New York City Aufenthalt 1979 oder Hans-Olaf Henkels Erinnerungen an "Jazz at the Philharmonic" zeigen, daß es in dem Buch keineswegs nur um New Orleans Jazz, Dixieland, Swing und Skiffle geht.

3. Natürlich sind viele Beiträge des Buches subjektive Erinnerungen der 67 Zeitzeugen. Das war auch die Absicht der Herausgeber, denn wir wollten mit diesem Buchprojekt die Erinnerungen dieser Zeitzeugen dokumentieren und festhalen. Und viele der 67 Autoren dürften sonst nicht die Chance erhalten, von der Jazzpresse, Musikwissenschaftlern und Musikjournalisten befragt zu werden. Für die Geschichte des Jazz in Deutschland von 1945 bis heutzutage gibt es nun weitere Zeitzeugnisse und Ansatzpunkte für musikhistorische Recherchen. In unserem Buch kommen auch weniger bekannte Profi- und Amateurmusiker sowie Jazzliebhaber zu Wort, so daß "Begegnungen - wie der Jazz unsere Herzen gewann" die Geschehnisse in Deutschland auch im bisher wenig beachteten "Untergrund" der Jazz-Szene und auch aus der Perspektive von Leuten, die keine großen Namen tragen, beleuchtet bzw. zumindest anreißt.  Für weitere musikhistorische Recherchen wäre es möglicherweise eine Anregung, eben nicht ausschließlich die schon häufig befragten Klaus Doldinger, Emil Mangelsdorff & Co zu interviewen, sondern eben auch an der Basis der Jazzwelt zu recherchieren und nicht nur die Aushängeschilder zu beleuchten.

4. Es gibt einige Texte in "Begegnungen - wie der Jazz unsere Herzen gewann", die ich Ihnen besonders nahe lege, meine sehr verehrten Damen und Herren, z.B. LADI GEISLER: "Der lange Weg zu Louis" (S.49), MARTIN SCHULLER: "Swing in den Trümmern" (S.30), GERHARD CONRAD: "Am Anfang war das Wort: Jazz" (S.81), GÖTZ ALSMANN: "Ich habe einen Traum" (S.172), KARIN MARCINIAK: "In touch with Ottilie Patterson - broken Hearts become the Blues" (S.356) und GERHARD KLUSSMEIER: "Die Jazzfanatiker - eine besondere Spezies von Mensch" (S.274). Und nicht zuletzt das Nachwort unseres Verlegers MICHAEL KOHN: "Da ist Jazz drin!" (S.407).

Des weiteren freut es mich ganz besonders, daß meine im Text "Bert Brandsma, eine europäische Jazzgröße von heute" (S.121) aufgestellte Prognose, daß er eines Tages von Chris Barber angefordert würde, 2011 häufige Realität geworden ist!

Die meisten Texte des Buches wurden übrigens erstmals an dieser Stelle veröffentlicht. Nur einige wenige Texte wurden vorher z.B. schon früher einmal im Booklet einer CD-Dokumentation (GERHARD KLUSSMEIER: "Die Jazzfanatiker..."), im Internet (ANGELIKA EVERS: "Nachruf auf John Evers") oder im "Swinging Hamburg Journal" veröffentlicht (wie MARC BÖTTCHER: "Auf den Spuren der deutschen `Lady Jazz´", GÖTZ ALSMANN: "Ich habe einen Traum", KARIN MARCINIAK: "Meine Begegnung mit Lonnie Donegan", LUTZ EIKELMANN: "New Orleans - Music around the world", HAWE SCHEIDER: "Jazz ist´s an der Zeit! Jazz nun gerade!" und REIMER VON ESSEN: "Der alte Jazz wird alt, was tun?"). Das Interview Rüdiger Bloemekes mit Ulf Krüger ("Das Skiffeln bringt groß´ Freud´") wurde bereits in dem Buch "Live in Germany" veröffentlicht. Barry Martyns Text "Mein Freund Peter, der Schlagzeuger" erschien im Sommer 2010 in englischer Sprache als Nachruf auf Peter Wechlin im "Just Jazz Magazine", London/UK.

Lutz Eikelmann, 26.10.2011

Lutz Eikelmann  |  eikelmann-hagen@t-online.de