Walter Methler über Lutz Eikelmann in seinem Autorenlexikon "Alle Wetter", Wetter an der Ruhr, 2016
ISBN 3-9810130-1-8

 



Jazz Podium, Februar 2016, 2seitiger Artikel aus der Feder von Lutz Eikelmann! Siehe unten!

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Swinging Hamburg Journal Nr.54, 3.Quartal 2015 zum 90.Geburtstag von "Papa Joe Buschmann":

 

"Papa Joe Buschmann zum 90.Geburtstag!"

 

copyright: Lutz Eikelmann, 2015

 

 

Am 6.April 2015 feierte Josef Wilhelm Buschmann, in Köln und weit darüber hinaus bekannt als "Papa Joe", seinen 90.Geburtstag. Zwei der bekanntesten Kölner Musiklokale, "Papa Joe´s Jazzlokal Em Streckstrump" und "Papa Joe´s Bierlokal Klimperkasten", wurden von ihm begründet und gehören seit über 40 Jahren zu den internationalen Aushängeschildern der Stadt. Das Presse-Echo auf seinen Geburtstag im April 2015 war überwältigend. Seit annähernd drei Jahrzehnten gehöre ich zu den Augenzeugen seines Erfolges - seit jenem Montagabend im März 1986, als ich fünf Tage nach bestandenem Führerschein, am erstmals selbst am Steuer, wenn auch in Begleitung meiner Mutter, nach Köln fuhr, um die "Maryland Jazzband Of Cologne" zu hören. Auch wenn bereits Anfang der 1990er Jahre der eine oder andere Musiker sich vom Streckstrump (oder auch "Strumpf" oder "Strickes" genannt!) distanzierte und aufhörte dort aufzutreten und seitdem immer wieder mal bis in die Jetztzeit Stimmen laut wurden, das Konzept des Strickes sei längst überholt, so widerlegt der Erfolg des Lokals alle Kritiker. Seit der Renovierung im Sommer 2010, die sehr zur optischen und akustischen Verbesserung der Lokalität beitrug, ist "Papa Joe´s Jazzlokal" mehr denn je eine Jazzkneipe für alle Generationen - Menschen aus Köln, ganz Deutschland und aller Welt geworden. Auch der Anteil junger Gäste in den 20er und 30er Jahren ist hier höher als irgendwo sonst in einem deutschen Trad-Jazz-Lokal. Doch kommen wir zu "Papa Joe" Buschmann selbst!

         Er schrieb nicht nur Gastronomie-Geschichte in Köln weit vor Klimperkasten und Jazzlokal, sondern ist ein professioneller Pianist, der nach seinem Musikstudium seine Liebe zur Musik nie vernachlässigt hat. Noch heutzutage ist er musikalisch aktiv, so gab er zu Silvester 2014/2015 ein Doppelkonzert im Kölner "Senftöpfchen"-Theater und gibt regelmäßige Otto Reuter-Konzerte mit seinen Söhnen Hanns und Michael Buschmann im Klimperkasten. Wie sein Sohn Michael Buschmann erklärt: "Eigentlich ist Papa Joe weniger Gastronom (gleichwohl hier überaus erfolgreich!) als Musiker. Nahezu alle Lokale von Joe hatten mit Musik zu tun."

 

Dazu gehörte in den 1960er Jahren das "Orchestrion", eine der ersten Diskotheken in Köln. Augenzeugen erinnern sich noch heutzutage an die damals langen Schlangen der Wartenden vor der abendlichen Eröffnung der "Diskothek mit Niveau". Hier legte der legendäre Chris Howland als Diskjockey die neuesten Hits auf, hier promoteten Stars wie Gitte, Rex Gildo, Graham Bonney, Frank Elstner, The Kinks, Ingrid van Bergen, Esther & Abi Ofarin, Dieter-Thomas Heck, Paul Kuhn, Jack White, Günter Ungeheuer und viele andere ihre Schallplatten. In "Papa Joe´s Kunst & Bier Blatt" (Ausgabe Mai/Juni 2015) lesen wir im Artikel "Der 90.Geburtstag - aber kein Dinner for one!" Folgendes - ZITAT: "Legendär wurde das Gastspiel von Frank Elstner, der neben seiner Tätigkeit als Sprecher bei Radio Luxemburg monatelang samstags im Orchestrion die Gäste unterhielt. Natürlich wurde eine Reise nach Radio Luxemburg verlost und die glücklichen Gewinner durften den Radiosprechern Dieter Thomas Heck, Camillo Felgen und Frank Elstner bei der Arbeit im Studio zuschauen. Michael Buschmann erinnert sich, dass er bei dieser Gelegenheit über das legendäre Mikrofon den Billy Mo-Titel ansagen durfte: 'Ich kauf mir lieber 'nen Tirolerhut.' Auch Schlagersänger Rainer Müller, der als erfolgreicher Diskjockey im Orchestrion begonnen hatte und später zum Schlagerstar mit einem Nr.1-Hit avancierte ('Caroline'), erinnert sich daran wie Papa Joe ihm seinen Künstlernamen verpasste: 'Mit dem Namen Rainer Müller kannst Du doch kein Star werden, deshalb nenne Dich besser Ray Miller.' 

 
         Neben verschiedenen anderen Lokalen und einem Hotel mit der Regina-Bar ('... und der Hausherr spielt dazu') betrieb Joe - was die wenigsten Kölner wissen - für kurze Zeit ein traditionelles Brauhaus, nämlich: 'Em Kölsche Boor' am Eigelstein. Viel mehr lagen ihm allerdings Lokale, die einen Bezug zur Musik hatten..." ZITAT ENDE. Und so führte sein Lebensweg Joe Buschmann schließlich zu seinen langfristig erfolgreichsten Geschäftsgründungen: Klimperkasten und Streckstrump, die bis heute die Wirren der Zeiten erfolgreich überstanden haben und seit einigen Jahren von seinen Söhnen fortgeführt werden. Joe Buschmann hat sich damit nicht nur um das Musikleben der Stadt Köln verdient gemacht, sondern auch unzähligen Musikern eine Basis für ihr Hobby oder ihre Profession gegeben - von den Arbeitsplätzen für die weiteren Mitarbeiter und für viele Studenten der Universitätsstadt Köln gar nicht zu reden. 

Um der interessierten und geneigten Leserschar des Swinging Hamburg Journal noch einen kurzen Anriss über die 41 Jahre Geschichte des Jazzlokals (seit 1974) zu geben: das bekannteste musikalische Aushängeschild des Streckstrump war die "Maryland Jazzband" unter Leitung von Gerhard"Doggy"Hund, die man bis Ende 2002 jeden Montagabend hören konnte. Viele Jazzgrößen gaben im Streckstrump Sondergastspiele - nicht nur die Maryland-Gäste aus New Orleans wie Louis Nelson, Alvin Alcorn, Sam Lee usw., sondern auch europäische Größen wie Olivier Franc, Hawe Schneider u.v.a.; professionelle Musiker wie Engelbert Wrobel und Joe Wulf verdienten ihre ersten Sporen im Strickes und wurden von Udo Jägers an die Rod Mason Band empfohlen; und auch für andere Musiker wie u.a. auch für den Autor dieser Zeilen (ich spielte erstmals im August 1988 mit der "Cologne Jass Society" einen Abend lang am Waschbrett in diesem Lokal!) war "Papa Joe´s Jazzlokal" ein willkommenes Sprungbrett. Doch auch heutzutage kann man noch authentischen Traditional Jazz im Strickes hören - sei es von regionalen Dixielandgruppen wie "Opladener Jazz Company", "Mary Castle Jazzband", "The Jolly Jazz Orchestra", "Papa Joe´s Jazzmen" etc., Bands im New Orleans Revival Stil wie "Storyville Jazzband Cologne", "Down Town Jazzband", "Red Beans Ragtime Band", "Sun Lane Limited" oder den "Dreamboat Ramblers", Swing-Gruppen wie "Jazz Preachers", "Listen Here" oder "Heike Röllig & Friends" u.v.a. 
 
         "Papa Joe´s Jazzlokal", Buttermarkt 37 in 50667 Köln, gehört inzwischen zu den letzten Lokalitäten in Deutschland, wo noch allabendlich traditioneller Jazz zu hören ist. Der Strickes überlebte Anfang der 90er Jahre die direkte, jedoch äußerst kurzlebige Konkurrenz um die Ecke ("Tudor Pub"), wo man sich einige Monate lang mit nicht ausreichendem Erfolg ebenfalls täglich mit Dixieland, Swing und New Orleans Jazz versuchte. Und im Sommer 2015 ist er inzwischen das einzige Jazzlokal seiner Richtung im Rheinland, denn das seit 1966 als Jazzlokal existierende "Pöötzke" in der Düsseldorfer Altstadt schloß nach Pfingsten 2015 seine Pforten. Ob und wie es nach der beabsichtigten Renovierung und Neueröffnung des "Pöötzke" mit neuem Pächter als Jazzkneipe weitergeht, ist noch nicht konkret greifbar. Viele Gerüchte machen die Runde, doch mehr läßt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt (April 2015) noch nicht dazu sagen.  Es wäre wünschenswert, wenn die Jazzgeschichte auch im "Pöötzke" weitergeht, doch noch ist mehr der Wunsch der Vater des Gedanken denn ein konkreter Ansatz zur Fortführung des Ganzen erkennbar. Auch die Entwicklungen dort werde ich im Auge behalten.
 
         Zurück nach Köln: Joe Buschmann gebührt für Vieles Dank. Um mich den abschließenden Wörten der vier Buschmann-Söhne aus dem erwähnten Artikel "Der 90. Geburtstag, aber kein Dinner for one!" anzuschließen, zitere ich nochmals daraus: "Wir wünschen ihm eine gute Gesundheit, er lebe hoch!"

In Dankbarkeit, Lutz Eikelmann 

 

 

Papa Joe Buschmann - immer noch aktiv! ---------- photo-copyright: Hanns Buschmann Archiv



Jazz Podium, November 2014 ---- Lutz Eikelmann porträtiert die Sängerin, Gitarristin und Jazz-Promotorin Milli Häuser und ihre Bochumer Veranstaltungsreihe "Tatort Jazz" in dem Artikel "`Tatort Jazz´, Liebe und Lebensfreude":
 



26.3.2014: Im Swinging Hamburg Journal Nr.49 (2.Quartal 2014) erschienen mehere Texte aus meiner Feder:

1. Lindy Hop- & Swing-Tanzen im Deutschland der Gegenwart
2. Traditioneller Jazz in zeitgemäßen Interpretationen!!!!
3. 60 Jahre Chris Barber Band: 1954 war ganz schön viel los ---- siehe unten bitte unter 18.2.2014
 

 

Lindy-Hop- & Swing-Tanzen im Deutschland der Gegenwart

 

copyright: Lutz Eikelmann, 2013

 

     Als vor einigen Jahren die ersten Lindy Hoppers der neuen Generation vor einigen Jahren bei den ersten Jazzband-Auftritten erschienen, galten diese "Paradiesvögel" so manchem Musiker und etlichen "normalen" Jazzfans als exotische Eintagsfliegen, war es bis dahin doch eher etwas, was typisch für die Rockabilly-Szene war: die Verbindung von Musik, Tanz, Mode und Frisur in authentischem Stil und basierend auf den Traditionen scheinbar längst vergangener Zeiten. Inzwischen ist im Bereich des Swingtanzens eine breite, vielfältige Szene in vielen Ballungsräumen Deutschlands entstanden ---- ob in Hamburg, Berlin, im Ruhrgebiet oder Rhein-Main-Gebiet ----, und viele Jazzbands wünschen sich nichts lieber als in die Gunst dieser Tanzwütigen zu geraten, weil bei herkömmlichen Jazzveranstaltungen die Besucherzahlen häufig rückläufig sind. Obendrein sind die Angehörigen der neuen Tanzgeneration meist zwischen Ende Zwanzig und Anfang bis Mitte Vierzig und stellen damit die längst überfällige Verjüngung des Jazzpublikums dar. Im Untergrund enstand in den letzten Jahren eine sich der Möglichkeiten des Internet bedienende, überregional vernetzte Szene, die Musik, Tanz, Mode und Frisurstilistik wieder als Einheit betrachtet und in dieser Einheit die eigene Lebensfreude auszuleben weiß. Als ich für diesen Artikel zu recherchieren begann, entdeckte ich eine Vielfalt von Websites, die ich dem interessierten Leser für weiterführende Informationen auch noch nennen werde. Darüber hinaus befragte ich einige "Aktivisten" aus dem Ruhrgebiet und dem Rhein-Main-Gebiet, die mir erfreulicher- und dankenswerterweise die Veröffentlichung ihrer Aussagen im Swinging Hamburg Journal gestatten. Heutige Tänzer des in diesem Artikel behandelten Stilspektrums gehen jedoch nicht einfach blind hinaus, haben nicht nur ihre favorisierten Bands und Veranstaltungen (so z.B. die alljährliche Essener Jazznacht, die die "Bourbon Street Stompers" gemeinsam mit der Zeche Zollverein organisieren), sondern auch eine Vielzahl organisierter Tanztreffs aufgebaut. Darüber hinaus nimmt auch die Zahl der Tanzschulen zu, die diese Tanzstile ihren Schülern zu vermitteln suchen. Eine zentrale Anlaufstelle der Szene des Ruhrgebiets ist http://lindypott.de/ , wo Marina Fischer & Peter Bieniossek die Grundlagen des Swing-Tanzens und Weiteres vermitteln - ich zitiere von der Homepage: "... herzlich willkommen auf der Swing-Seite des Ruhrgebiets! Hier findet Ihr Infos zu den Swing-Tanzkursen in Lindy Hop, Charleston, Collegiate Shag, Balboa im Ruhrpott, sowie Tipps zu den aktuellen Parties, Veranstaltungen und Geschehnissen im Swingleben des Ruhrgebietes. Ihr findet uns in Dortmund, Essen und Bochum! Viel Spaß bei uns!"

    Spaß ist ein Schlüsselwort, denn darum geht es den Tanzwilligen - das verdeutlichten auch die e-mail-Interviews mit den Befragten. Man will das Tanzen zu swingender Jazzmusik aus Vergnügen betreiben und nicht als Religionsersatz pflegen. Man will auch nicht über den einzig wahren Jazz belehrt werden und zeigt sich auch nicht beeindruckt, wenn eine Band die Aura, die Erfinder des Jazz zu sein oder der letzten und einzigen Gralshüter, zulegt. Vielmehr steht die Freude sich zu bewegen, schön und authentisch zu kleiden und zu frisieren, im Vordergrund der Motive der Tanzenden. Und dabei will man halt gute, lebendige, abwechslungsreiche und swingende Musik erleben!
    Das Lindy-Hop-Tanzen bedeutet für Birgit Schaarschmidt aus Frankfurt/Main "Spaß, Geselligkeit, eine Form der Sprache, ein Lebensgefühl, eine Lebensphilosophie, Glück". Sie zählt zu den Initiatoren im Rhein-Main-Gebiet: "Ich habe ja schon 1999 damit begonnen und vorher Rock’n’Roll getanzt. Ich habe in den ersten Jahren sehr viel getanzt. Es gab noch wenig Showtanz in dieser Richtung in Deutschland und auch wenig Wettbewerbe. Beides kommt erst in den letzten Jahren mehr. Ich habe daher angefangen, regelmäßig zu unterrichten und Veranstaltungen wie Workshops mit externen Lehrern und Partys zu organisieren. In Frankfurt am Main habe ich mit viel Energie so auf diesem Wege und mit vielen anderen es geschafft, eine Lindy Hop Tanzszene zu etablieren. Nachdem ich nun viel gemacht habe, organisiere ich derzeit eine Tanzveranstaltung einmal im Monat mit Live-Musik, die `Harlem Nights´ im `Orange Peel´."
    Sie hatte "Lindy Hop bei einer Rock’n’Roll-Europameisterschaft in Duisburg (schon echt lange her) gesehen und fand das sensationell gut. Dann war ich mal auf einem Workshop in Hamburg und Lippstadt und hatte super viel Spaß. Dann habe ich es wieder einige Jahre aus den Augen verloren bis ich 1999 einen Bandscheibenvorfall hatte und mein behandelnder Arzt meine, ich sollte mir etwas suchen, was mir richtig viel Spaß macht, damit mich der Stress im Job nicht so fertig macht. Das habe ich dann gemacht und bin direkt für eine Woche zum weltweit bekannten Lindy Hop Tanzcamp nach Herräng in Schweden gefahren. Dort hat mich das Lindy Hop-Swing-Tanzfieber total gepackt und seitdem hoppe ich so in der Weltgeschichte rum." Und wer so weit herum kommt wie Birgit Schaarschmidt, hat einen gewissen Überblick in der Musikszene und eigene Favoriten unter den heutigen Bands: "Ondrej Havelka and his Melody Makers (Prag/Tschechien); Swing Cat Club (Berlin); Hotz & Co. (Ruhrgebiet); Swingin‘ Fireballs (Bremen); Tilmann Schneider Swing Terzett (Köln); Gordon Webster & Band und Solomon Douglas & Band (USA)." Und natürlich muß eine Band sich auch auf die Tänzer einstellen: "Für Swing-Tänzer zu spielen ist aber meines Erachtens noch etwas Anderes als Jazz zu spielen. In den Staaten ist es oft leicht, Bands zu finden, die auch gerne für Tänzer spielen. Dort gibt es eine solche Tradition. Hier – gerade im Umfeld von Frankfurt/Main – empfinde ich es manchmal als schwierig. Berlin hat eine solche Tradition und dort ist es auch nicht immer verpönt, wenn Tänzer die Sicht auf die Band versperren. Und ja, ich tanze dann einfach gerne, wenn die Musik mich anregt. Swing ist ein Lebensgefühl und für mich sehr viel Spaß. Ich mag es ganz besonders, heute das Tanzen wieder zusammen mit der Live-Musik zu kombinieren und so für Musiker und Tänzer ein Wechselspiel zu erzeugen. Das ist für mich einfach nur wundervoll und ich kann mich sehr daran erfreuen."
    In Frankfurt/Main tut sich doch Einiges - die Insiderin zählt viele Lokalitäten auf, wo die Lindy Hopper zum Zuge kommen: "Harlem Nights, Organe Peel; WE Swing, Wiesengrund; Balboa Nights; Downtown, Swing; Swingschicht, Circus; Sophisticated Shuffle, Logenhaus; FTG, Verein; FTV, Verein; Tanzschule Monika Bauer; Swinginfrankfurt", aber auch über Frankfurt hinaus auch in Mainz, Wiesbaden und Darmstadt...
    Nicht jeder läuft wegen der Liebe zum Tanzen permanent als Lindy Hopper herum, sondern verkleidet sich oft halt nur für den Besuch der Tanzveranstaltung, des Uni-Balls etc.; nicht jeder kennt sich gleichermaßen mit der Geschichte des Jazz und des Swingtanzens aus, wenngleich einige Damen und Herren auch Künstler wie Chick Webb, Duke Ellington, Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Benny Goodman, Count Basie und Cab Calloway unter ihren Lieblingsbands aufzählen. Durchgehend erwähnen alle Befragten die "Leichtigkeit" des Swingtanzens als eine besondere Attraktivität dieser Betätigung. Und wie z.B. die Dortmunderin Iris Reith ganz richtig sagt: "Der Lindy Hop ist nicht so steif wie die meisten Tänze. Er lebt von der Improvisation. Durch diese Lockerheit entsteht eine wundervolle Atmosphäre, die alle Umstehenden mitreißt." Für den Tanzlehrer Peter Bieniossek (Unna) ist das Tanzen eine kreative Tätigkeit und Lindy Hop "...ein wichtiger Teil meines Lebens. Es ist nach wie vor ein Hobby und Beruf. Wenn ich Lindy Hop tanzen kann, dann kommt eine Energie zu Tage, die einfach genial ist. Mag der Tag noch so anstrengend sein, wenn ich einmal angefangen habe zu tanzen, dann läuft´s einfach. Ich beschäftige mich auch gern damit, probiere Vieles gerne aus." Und: "Lindyhop bietet mir den Raum für eigene Kreationen, Improvisationen. Ich liebe die Kommunikationsspiele mit meiner Tanzpartnerin. Hier ist so ziemlich alles erlaubt, was geht. Manchmal fließen andere Tanzrichtungen ein, wir setzen uns im Ausprobieren keine Grenzen. Hauptsache, es gefällt. Ich weiß nicht, ob andere Tänze auch die Möglichkeiten bieten, die mir Lindy Hop bietet, aber hier habe ich keine Einschränkungen, hier mache ich auch Tanzschritte, die nur hier existieren."
    Für den recherchierenden Journalisten ist es natürlich eine dankbare Sache, wenn die Protagonisten das Herz auf der Zunge tragen und ihre Begeisterung in jeder ihrer Antworten zu spüren ist. So muß man sich nicht die Worte aus den Fingern saugen, sondern läßt die Befragten einfach sprechen, so auch gerne Marina Fischer aus Unna, für die Lindy Hop "lebendige - ja, das ist sie wirklich - und niveauvolle Musik, Kommunikation, Freiraum für Kreativität und Spass" darstellt: "Lindy Hop ist meine Lebensart. Ich bin immer wieder fasziniert davon wie Lindy Hop die Leute verändert. Ich betrachte oft mein Leben in zwei Abschnitten: `vor Lindy Hop´ und `mit Lindy Hop´ und damit bin ich nicht alleine. Es ist so toll zu beobachten, wie schnell ganz verschiedene Leute durch Lindy Hop zueinander finden und sich als Teil einer echten Community verstehen. Leute finden beim Lindy Hop schnell einen Gesprächspartner wie im direkten so auch im tänzerischen Sinne. Ein Tanzpaar funktioniert nur dann gut, wenn man sich austauscht, auf den Partner/die Partnerin hört, diesen/diese respektiert und ihm/ihr Freiraum für eigene Ideen lässt. Wie im normalen Leben eben auch. Etwas schüchterne und sonst zurückhaltende Menschen bekommen durch Lindy Hop ganz schnell eine unglaubliche Selbstsicherheit, Gelassenheit und entpuppen sich so als kreative bunte Schmetterlinge. Lindy Hop verbindet, man findet ganz schnell Freunde und es ist nicht übertrieben gesagt: auf der ganzen Welt."
    Mehere der Befragten nannten das "Boogie Woogie"-Tanzen als Einstieg in den Weg der weiteren Entdeckungsreise, die der tanzbare, swingende Jazz eröffnet. Letzten Endes sind die Wege dorthin jedoch so vielfältig wie das Leben an sich...
    Als einer der Aktivposten des Ruhrgebiets berichtet Marina Fischer: "Ich tanze nun regelmäßig seit 2004. Bis auf die Auszeit, die ich mir nehmen musste, als unsere Kinder geboren wurden, füllt Lindy Hop mehrmals in der Woche meine Abende und 2-3 Mal im Monat auch meine Wochenenden. Mit meinem Mann, Peter Bieniossek, ziehen wir seit Ende 2006 die Swingtanzszene im Ruhrgebiet auf. Inzwischen sind wir in Dortmund, Essen und Bochum angekommen, haben viele Freunde, Helfer und Anhänger gefunden. Lindy Hop im Ruhrgebiet ist inzwischen kein Rätselwort mehr. Angefangen hat alles im Jahre 2004, als ich von meiner Mitbewohnerin in der Studenten-WG zu einer Lindy Hop Party mitgenommen wurde. Ich tauchte in eine Welt ein, die völlig anders war als die, die ich sonst kannte. Die Swing-Musik konnte ich nur als ein Klischeebild der Opa-Musik zuordnen und ich konnte es mir überhaupt nicht vorstellen, dass diese cool sein kann. Paartanz war für mich ebenso mehr als `out´, diesen lernt man ja nur in den verstaubten Tanzschulen und das kann eigentlich auch nicht wirklich cool sein. Nun ja, mit dieser etwas müden Vorstellung habe ich mich auf den Weg zu meiner ersten Swing-Party gemacht. Natürlich ohne Lindy Hop je vorher gesehen zu haben. Es war eine gelungene und überwältigende Überraschung. Ich habe zwar auf der Party mit vielen Wissenslücken `glänzen´ dürfen, aber die Tänzer waren super nett und haben mich schnell integriert, ohne dass es unangenehm wurde. Die ersten Tanzschritte wurden gezeigt, ich wurde durch ein paar Lieder durchgezogen, hatte Spass in den Backen, Neugier und Lust auf mehr. Am nächsten Tag habe ich erstmal per Wikipedia meine Lücken in Bezug auf Jazz-, Tanz-, Film- und Modegeschichte etwas geschlossen. Die ersten 10 Swing-CDs wurden ausgeliehen und förmlich reingezogen. Ich tanzte fröhlich durch die Wohnung und wippte sogar im Sitzen immer im Takt mit dem Fuß. Swingmusik lief ab dem Moment immer öfter bei mir im Hintergrund und ja, es war nicht uncool. Es war spannend und kurzweilig. Da es in der Zeit noch keine regelmäßigen Lindy Hop Kurse gab, bin ich mit meinem zukünftigen Ehemann und ein paar neuen Freunden durch ganz Europa vom Workshop zu Workshop getingelt und konnte von dieser neuen Welt nicht genug bekommen. Im Herbst 2006, nachdem Peter bereits in Münster und Köln unterrichtet hat, haben wir beschlossen, dass wir auch gerne Parties und Tänzer in unserer nächsten Umgebung haben möchten. Und somit war `Lindy Pott´ (Lindy Hop Tanzszene im Ruhrgebiet) geboren."
    Allgemein bevorzugen viele Lindy Hopper die live-gespielte Musik, doch Marina Fischer mag sowohl diese wie auch die Musik aus der Konserve: "Die Stimmung beim Tanzen zur Livemusik ist einfach grandios, zur Lebendigkeit der Kommunikation hat man nicht nur den Tanzpartner, sondern lässt sich gerne auch von den Musikern überraschen und leiten. Die Interpretationen der Musikstücke, die gespielt werden, sind immer anders und bereiten den Tänzern viele spannende Momente. Konservenmusik macht aber auch Spass, man kennt die Musikstücke oft ganz gut und kann sich auf die `Kicks´ und Akzente freuen, die man liebt und natürlich gut kennt. Die Großen der Jazzmusik von damals sind ja auch nicht umsonst so groß geworden, es ist einfach ein Genuss auch den Stimmen zu lauschen und zu perfekten Arrangements tänzerisch zu variieren. Es gibt auch in der Konservenwelt immer wieder Neuentdeckungen, die ganz spannend sind."
    Auf meine Frage nach den Lieblingsbands antwortet Marina Fischer: "Als Tänzer kennt man oft am Besten die regionalen Bands. Bands mit weiter Anreise kann man sich leider nicht oft leisten. Aber auch im Ruhrgebiet & Umgebung gibt es Musiker, die wir lieben. Choo Choo Panini, The Marmadukes, Bernd Lier Swing Ensemble sind immer eine Garantie für eine gelungene Party. Zu meinen absoluten Lieblingsbands aus dem Ausland, die ich jedes Mal mit allen Sinnen genieße, zählen Meschya Lake & The Little Big Horns, Rhythm Junkies, George Gee Swing Orchestra... Wir versuchen so viele Bands zu unterstützen wie es nur geht, unser großer Wunsch ist die Musik und den Tanz wie damals wieder zusammen zu bringen. Mit den Choo Cho Paninis haben wir sogar eine CD produziert, die ganz tolle und tanzbare Interpretationen alter Songs bietet."
    Wessen Herz so bei der Sache ist wie das von Marina Fischer, wenn sie über Tanzen zu swingender Musik redet, den lockt irgendwann auch mehr oder weniger schnell das Erforschen der Jazzgeschichte: "Ich habe mich, als ich den Tanz kennengelernt habe, sofort auch in der Geschichte umgeschaut. Lindy Hop Figuren haben oft sprechende Namen, die nicht sofort zu verstehen sind, aber das Interesse wecken zu erfahren, was der Name bedeutet oder wie dieser entstanden ist. Die Lindy Hop Tänzer von früher wie Frankie Manning und Norma Miller erzählten gerne kurze Geschichten dazu. Viele Lindy Hop Lehrer führen die Tradition fort und erzählen immer kurze Geschichten im Unterricht, wenn sie mal alte Figuren unterrichten. Damit man alles versteht, muss man auch etwas zur Lebensart und der Situation der Tänzer damals wissen. Der historische Hintergrund wirft ein noch anderes Licht auf den Tanz. Das nenne ich gerne den `Charme von Lindy Hop´."
    Die richtige Kleidung ist in dieser Szene gern gesehen, doch für eine leidenschaftliche Tänzerin wie Marina Fischer gilt: "Ich finde, es macht einen guten Tänzer nicht aus, und werte es nicht als eine Voraussetzung, tanzen zu gehen. Lindy Hop macht auch Spass in Jeans und T-Shirt. Es ist oft der Anlass, der den Stil ausmacht. Es gibt legere Parties und es gibt welche, die per ungeschriebenem Gesetz auch etwas mehr Dresscode verlangen. Mein Auge erfreut sich dennoch, wenn Lindy Hop im Vintage-inspirierten Modestil getanzt wird. Es macht einfach eine tolle Optik, wenn die Frauen ein hübsches swingendes Kleid anhaben und die Männer mit einer Newsboy-Cap einen lässigen und coolen Style kreieren. Die Kleidung macht auch den Tanzstil aus, ich fühle mich ganz anders beim Tanzen, wenn ich gestylt auf die Fläche gehe. - Als ich selbst nach den Anziehsachen zum Tanzen gesucht habe, stellte sich enttäuschend heraus, dass es gar nicht so einfach ist. Es gab einige Shops in Amerika, aber in Deutschland und den Nachbarländern leider kaum etwas. Es gab etwas Vintage, aber die Originalsachen waren leider nur bedingt zum Tanzen geeignet, da die Stoffe entweder nicht dehnbar, zu schwer oder zu empfindlich waren. Letztes Jahr haben wir einen Schritt gewagt und haben einen Online-Shop (www.ViNSiNN.com) eröffnet mit der Vintage-inspirierten Bekleidung für Tänzer und Liebhaber des Stils der 20er-50er Jahre. Wir versuchen Bekleidung zu finden, die den Stil der alten Zeit hat, dennoch aber aus modernen und unkomplizierten Stoffen genäht wurde. - Ich glaube, die Lindy Hopper von heute spielen gerne mit dem Style, und es überträgt sich auch schon mal gerne in den Alltag. Aber sie sind nicht unbedingt immer und durchgehend authentisch gekleidet, so dass man das Gefühl bekommen könnte, dass sie einer anderen Zeit entstammen. Viele mögen den Style, kaufen aber gerne auch moderne Sachen, man sieht denen aber oft dennoch immer noch den Swing-Touch an."
    Birgit Schaarschmidt beschreibt wie folgt, was für sie den Lindy Hop ausmacht und von anderen Musikrichtungen bzw. Tänzen unterscheidet: "Lindy Hop ist für mich ein Paarimprovisationstanz. Es gibt keine falschen, sondern nur neue Schritte. Ein Tanz ist eine Heirat für drei Minuten. Man achtet auf den Partner und versucht, sich gegenseitig gut aussehen zu lassen und vor allem ein gutes Gefühl zu geben. Das ist ein wenig die Ideal-Vorstellung, aber so etwas gibt es und ich liebe es. Insofern bin ich sehr von Frankie Manning und seiner Philosophie geprägt. Es geht darum, die Musik zu hören, die Breaks, die verschiedenen Instrumente und dazu zu tanzen. Spannend ist, zu sehen, ob der Partner die Musik genauso hört, wie man selbst. Die Musik ist in der Regel fröhlich, schwingend halt, was meines Erachtens unserem natürlichen Körpergefühl sehr entgegen kommt. Eine Frau oder ein Mann tanzen oft beide Rollen, d. h. sie/er kann führen und folgen. Das ist eine ganz tolle Erfahrung. Die Frau darf auch in der Rolle als Follower selber improvisieren und inspiriert so auch den Lead. Das alles unterscheidet für mich Lindy Hop von anderen Tänzen."
    Eine Frage, die sich natürlich den heutzutage aktiven Jazzmusikern (ob Profi oder Amateur) stellt, ist, ob man in der Lage und vor allem willens ist sich auf dieses neue jüngere Publikum einzustellen, um damit als Band auch attraktiv für die Tanzwilligen des Landes zu sein. In dem Bestreben das Image des Jazz als reine musikalische Kunstform aufzubauen, verloren weite Teile der Jazzszene doch die Berührung mit den Bedürfnissen eines bewegungsfreudigen Publikums und meines Erachtens liegt hierin ein wesentlicher Grund für die mancher Orts deutlich zurückgegangene Popularität des Jazz. Da ich im Laufe meiner zweieinhalb Jahrzehnte währenden Aktivitäten in der Jazzszene auch bei verschiedensten Bands ausgeholfen habe, konnte ich beobachten, was für fragwürdige Blüten dieses grundsätzlich ehrenwerte Bestreben, das Image der Jazzmusik zu verbessern, teilweise trieb. So brachen Bandleader laufende Titel ab, weil das Publikum zur Musik mehr oder minder rhythmisch und aus der Sicht des Bandleaders heraus "falsch" klatschte, oder man sah naserümpfend und überheblich auf diejenigen Gäste einer Veranstaltung herab, die zur Musik zu tanzen begannen statt sich darauf zu beschränken, brav auf Stühlen zu sitzen und/oder an Stehtischen zu stehen, um maximal die Hände für Solo- und Titelapplaus zu bewegen. Daher gehe ich an dieser Stelle davon aus, daß sich die Frage der Bereitschaft, sich auf ein neues Publikum einzustellen, nicht allen Bands stellt. Ich würde an dieser Stelle ungern von Selbstverständlichkeiten reden wollen - die Notwendigkeit eines Rhythmus, der in die Beine geht; Tempostabilität; eine lebendige Dynamik; eine kontrastreiche Programmgestaltung; die Verwendung guter (Head-)Arrangements; eine gekonnte Melodiepräsentation usw. - , komme allerdings nicht umhin zu erwähnen, daß bei den Bands, die die befragten Lindy Hoppers und Swingtänzer als ihre Favoriten nannten, meines Wissens nach keine einzige Band dabei war, die in Räuberzivil auf die Bühne geht. Das sollte den Musikschaffenden zu denken geben!
    Marina Fischer findet auch wieder einmal die richtigen Worte, wenn es darum geht zusammenfassend herauszustellen, was den Lindy Hop Tanz ausmacht: "Lindy Hop ist einfach sehr vielseitig, er ist besonders ausdrucksstark und kann von Melancholie bis zur verrückten Freude alles abdecken. Wenn man Lindy Hop kann, kann man überall und zu allen Anlässen tanzen, ob einfach alleine im Club mit jazzigen Charleston Moves abhotten oder auf der Familienfeier mit Paartänzen. Bluesig, romantisch, lustig, verrucht, lebensfreudig, verrückt, albern, sportlich, lässig, aufheizend, befreiend, kreativ - das ist alles Lindy Hop."
    Mein besonderer Dank gilt Birgit Schaarschmidt, Iris Reith, Marina Fischer, Peter Bieniossek und Yasmin Kuhr für die Zeit, die sie sich alle für die Beantwortung meiner Fragen genommen haben. Abschließend empfehle ich Ihnen, liebe Musikfreunde, noch den Besuch weiterer folgender Internetinhalte: http://www.kittysmusic.de/ eine der zentralen Informationswebsites der Ruhrgebietsszene
http://vinsinn.com/ Der Online-Shop für Vintage-inspirierte Kleiderung der 20er bis 50er Jahre
http://www.swingandthecity.com/swing/taenze/lindyhop/ hier finden sich Aktivitäten in Bayern und Salzburg
http://lindypott.de Und nochmals die wichtige Website von Marina Fischer und Peter Bieniossek.
So rege und vital sich die Lindy Hop- und Swing-Tanz-Aktivitäten in vielen Bereichen Deutschlands entwickelt, ist anzunehmen, dass dies hier nicht der letzte Artikel zum Thema sein dürfte. Wie fast alle meiner Gesprächspartner äußerten und auch ich seit Jahren beobachte: die Beliebtheit des Lindy Hop Tanzens wächst zusehends. Daher wünsche ich nun allen Musikern und Tänzern unzählige fröhliche Stunden und Begegnungen - let the good times roll!

Traditioneller Jazz in zeitgemäßen Interpretationen!!!!

CD "Update" (Dutch Swing College Band) & CD "The Jazz Age" (The Bryan Ferry Orchestra)

copyright: Lutz Eikelmann, 2013


Seit Jahren habe ich mir immer wieder gewünscht, dass zum kreativen Umgang heutiger Jazzmusiker mit den Wurzeln und Traditionen des Jazz nicht nur individuelle Interpretationen und Arrangements gehören mögen, sondern auch Eigenkompositionen im Geiste dieser Tradition. Nur wenige Künstler wie z.B. Chris Barber und Hawe Schneider und in jüngerer Vergangenheit auch Bert Brandsma (z.B. sein Konzertprogramm "Caribean Suite") haben bedeutsame Eigenkompositionen immer wieder in ihr Konzertrepertoire aufgenommen und auf Tonträgern dokumentiert. Doch 2012 entstanden zwei exzellente CDs in Europa, die ich Ihnen hiermit genauer vorstellen möchte:

 
 
The Bryan Ferry Orchestra: The Jazz Age

Wenn Popmusiker sich vom Teenie-Star zum "Allround-Entertainer" für alle Generationen zu entwickeln beginnen, ist eine Zuwendung zum swingenden Jazz in den Fußstapfen eines Frank Sinatra nichts Ungewöhnliches. Von Lonnie Donegan Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre bis zu Robbie Williams in der jüngeren Vergangenheit ließen sich viele Beispiele dafür finden. Der britische Sänger und Songwriter Bryan Ferry legte nun jedoch eine außergewöhnliche Produktion vor, die nicht die bewährte Strategie "Popstar singt mit Bigband & Streichern" verfolgt, sondern 13 außergewöhnlich gut gelungene Eigenkompositionen im Stil des 1920er Jahre Hot Jazz beinhaltet. Bryan Ferry wirkt selbst bei diesen Instrumentaltiteln in keinster Weise aktiv mit, doch sein für dieses Projekt zusammengestelltes 15köpfiges Orchester schließt einige der besten britischen Jazzmusiker ein wie z.B. Enrico Tomasso (Kornett & Trompete) und John Sutton (Schlagzeug). Besondere Verdienste sind auch dem Pianisten Colin Good zuzuschreiben, der als erstklassiger Arrangeur sehr zum Gelingen dieser Produktion beigetragen hat. "The Jazz Age" beweist jedenfalls, dass der Stil des "klassischen Hot Jazz" weiterhin eine besondere Inspiration für Komponisten, Arrangeure und Interpreten darstellt und das Potential für den kreativen, individuellen und zeitgemäßen Umgang mit dieser Musik bietet. Ich kann Ihnen diese CD nur wärmstens empfehlen!

Dutch Swing College Band: Update

Die stark verjüngte Dutch Swing College Band (Trompeter Keesjan Hoogeboom ist Jahrgang 1981, der neue Posaunist Maurits Woudenberg Jahrgang 1984) legt mit "Update" eine neue CD vor. Eingespielt im März 2013, umfaßt diese CD nicht nur einige Jazz-Standards wie u.a. That´s A Plenty, St.Louis Blues, Dans les rues d´Antibes, Heebie Jeebies, Sweet Georgia Brown, At The Jazzband Ball u.a. auf dem hohen, DSC-typischen professionellen Niveau, sondern auch drei außergewöhnliche Neukompositionen: Frankie, Old Times (are better) & Oui Doute Me Quatte. Diese drei Titel entstanden im Rahmen eines in 2012 stattfindenden Komponistenwettbewerbs, den die Dutch Swing College Band gemeinsam mit der niederländischen Urheberrechtschutzgesellschaft "BUMA Cultuur on NTB" mit dem Ziel veranstaltete, zeitgemäße und zugleich DSC-geeignete Kompositionen zu schaffen. Die drei Gewinnertitel des Wettbewerbs wurden für diese aktuelle CD eingespielt und die Band verstärkte sich bei "Frankie" mit der jungen Jazzsängerin Margriet Sjoerdsma und bei "Old Times" mit dem Sänger Kasper van Kooten. Für eingefleischte Dutch Swing College Band - Liebhaber sei erwähnt, dass diese CD die letzten Aufnahmen des Saxophonisten Frits Kaatee mit der Band enthält; er ist inzwischen aus der Band ausgestiegen. Sein Nachfolger ist der exzellente junge Holzbläser David Lukács (Jahrgang 1978). Nun geht die Band unter Leitung des 74jährigen Klarinettisten Bob Kaper ihrem 70jährigen Bestehen im Jahr 2015 entgegen. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter www.dscband.nl


18.2.2014: Auf Chris Barbers Website wurde der nachfolgende Text aus meiner Feder am zurückliegenden Wochenende veröffentlicht. Webmaster Andreas Wandfluh hatte ihn bei facebook gelesen und mich gefragt, ob dieser Text auf der Barber Homepage veröffentlicht werden könnte. Ich habe nix dagegen. Dieser Text findet sich hier: www.chrisbarber.net/celebrating2014/celebrating6065.htm

Im Swinging Hamburg Journal Nr.49 (2.Quartal 2014) wurde dieser Text (erschienen Ende März 2014) ebenfalls veröffentlicht, wenngleich dort Satzfragmente des 1.Abschnitts leider "verloren" gingen - der Buchstabenklau geht um... 

60 Jahre Chris Barber Band: 1954 war ganz schön viel los (copryight: Lutz Eikelmann, 2014)

1954 war ganz schön viel los: das bundesdeutsche Wirtschaftswunder war ins Rollen geraten. Am 4.Juli setzte die deutsche Fußballnationalmannschaft den Inhalt eines 1942 im Auftrag von Joseph Goebbels produzierten Propagandafilms, in welchem sie laut einer im Vorfeld der 2006er Fußballweltmeisterschaft im ZDF ausgestrahlten Dokumentation nach 0:2 Rückstand mit 3:2 gegen Ungarn eine "fiktive" WM gewannen, in die Tat um. Und 13 Tage später erblickte unsere heutige Bundeskanzlerin als Angela Dorothea Kasner in Hamburg das Licht der Welt. Zeitgleich zogen die Franzosen ihre Kolonialtruppen aus dem 8jährigen Indochina-Krieg zurück und die USA begannen sich in Indochina zunächst heimlich militärisch zu engagieren, bevor der Vietnamkrieg ein Jahrzehnt später offiziell wurde. Doch den Jazzer interessieren weder die scheinbar hellseherischen Fähigkeiten eines Reichspropagandaministers noch verborgene Kriege am anderen Ende der Welt, denn parallel zum deutschen Wirtschaftswunder kam noch etwas Weiteres ins Rollen: die britische Musikmodewelle des "Trad Boom", deren führende Band, die Chris Barber Jazzband, am Montag, den 31.Mai 1954, ihren ersten Auftritt bestritt.

Die Geschichte dieser Band ist den Jazzfreunden allgemein bekannt und soll in diesem Artikel nicht zum x-ten Male vollständig aufbereitet werden. Und dennoch: diese Band hat bis in die heutige Zeit nicht nur erfolgreich professionell gearbeitet und die Höhen und Tiefen des Musikgeschäfts überlebt, sondern war immer wieder auch musikalischer Vorreiter wichtiger musikalischer Modewellen wie des bereits erwähnten "Trad Boom", des "Skiffle Craze" der späten 1950er Jahre sowie der Blues- und Rhythm&Blues-Wellen der 50er und 60er Jahre. Manch oberflächliche Beobachter der Chris Barber Jazzband halten diese für einen schlechten Abklatsch der George Lewis Band der 1940er Jahre, doch auch wenn Chris Barber und seine musikalischen Partner der ersten Jahre, Monty Sunshine (1928-2010) und Lonnie Donegan (1931-2002), sich sehr wohl für die George Lewis Besetzungen zu begeistern wußten, setzte sich die Barber Band von Anfang an mit musikalischen Traditionen des Jazz erfolgreich auseinander, von denen viele Jazzbands wohlweislich die Finger lassen: Ragtime einerseits, die Musik Duke Ellingtons andererseits.

Wichtige Beschleuniger des kommerziellen Erfolges und der internationalen Bekanntheit der Barber Band waren 1954 sowohl die regen Aufnahmetätigkeiten in Dänemark für das dortige "Storyville Label" als auch die erfolgreiche Langspielplatte "New Orleans Joys" für die britische DECCA, eingespielt am 13.Juli 1954, später dann natürlich auch die Single "Petite Fleur", die (eingespielt am 10. Oktober 1956) 1959/1960 zum Millionenhit wurde.

Im Laufe der Jahrzehnte wechselte die Band wiederholt den Namen - so wurde aus "Chris Barber´s New Orleans Jazzband" zunächst "Chris Barber´s Jazzband", später dann "Chris Barber´s Jazz & Blues Band", 2001 erhielt sie dann mit der Erweiterung von 8 auf 11 Musiker den noch aktuellen Namen "The Big Chris Barber Band". Mit dieser vergrößerten Besetzung bietet Chris Barber nicht nur seine mit ihm verbundenen Evergreens wie "Bourbon Street Parade" (seit 1958 die Erkennungsmelodie der Band), "Goin´ Home", "Petite Fleur", "Wild Cat Blues", "When The Saints Go Marching In" und "Ice Cream" dar, sondern legt den besonderen Schwerpunkt auf die Musik Duke Ellingtons, die ihm seit eh und je am Herzen liegt. Besondere Unterstützung erhält er dabei von seiner rechten Hand, dem seit 2001 zur Band gehörenden Posaunisten und Arrangeur Bob Hunt.

Ich will mich an dieser Stelle kurz fassen, Chris Barber und seiner Band (aktuelle Besetzung: Chris Barber & Bob Hunt/Posaunen, Mike Henry & Pete Rudeforth/Trompeten, Bert Brandsma/Amy Roberts & Richard Exall/Klarinetten&Saxophone, Joe Farler/Banjo&Gitarre, Jackie Flavelle/Kontrabass und Gregor Beck/Schlagzeug) von Herzen zum Jubiläum gratulieren und ihnen weiterhin Glück, Gesundheit und Erfolg wünschen. Darüber hinaus lade ich Sie, liebe Musikfreunde, nicht nur ein, mich meinen Wünschen für diese Institution und Inspiration der europäischen Jazz-, Blues- und Rockszene anzuschließen, sondern auch die offizielle Website der Band zu besuchen: www.chrisbarber.net

Ihr Lutz Eikelmann, Januar 2014
 


 


Swinging Hamburg Journal Nr. 48, 1.Quartal 2014: Nachruf auf Profitrompeter Cliff Wren (1938-2013).
 

 Westfälische Rundschau / Hagen, März 1999; v.l.n.r.: Jörg Drewing - Lutz Eikelmann -
Christian Schmidt - Achim Sturm - Maximilian Schaaf - Sean Moyses; nicht auf dem
Bild: Pianist Ray Smith.
Auch auf diesem Sektor der Kulturarbeit (laut dem Kulturamt Beckum "pädagogisch
wertvoll" !) hatte Lutz Eikelmann die Nase vorn, auch wenn heutzutage Andere so tun,
als hätten sie diese Idee entwickelt.
 

Lutz Eikelmann  |  eikelmann-hagen@t-online.de